Ein wirklich sehr interessanter Bericht von Mike T., vielen Dank an dieser Stelle für die Übersendung.
Welcome to the 44th German-American Volksfest
Schon Larry Schuba & Western Union sangen vor vielen Jahren : „Der liebe Gott muß ein Cowboy sein“. Und so traf auch pünktlich zum Start des Deutsch-Amerikanischen Volksfestes der Sommer in Berlin ein. Alljährlich können wir Country-Fans drei Wochen lang an der Clayallee in Zehlendorf diversen Country-Bands zuhören und das Tanzbein schwingen. An vielen Tagen sogar zwei Bands. Eine auf der Bühne und eine andere in Bergmanns Festzelt. Country-Music vom Nachmittag bis in den späten Abend. Da würde ich sagen sind 1,50 € Eintritt ein Schnäppchenpreis. Auch die Preise für Getränke und Fastfood hatten sich gegenüber dem Vorjahr überwiegend nicht verändert.
Vom 23. Juli bis zum 15. August gab es für uns also immer wieder ein Ziel: The 44th German-American Volksfest. Auch dieses Jahr hat es sich wieder einmal gelohnt. Erster Anlaufpunkt war meist die Festbühne. Hier konnten wir Country Delight, Colorado, Carolina, Silver Eagle, Claudy Blue Sky und Route 96 hören und selbstverständlich auch zu ihrer Musik tanzen. Auffällig, dass viele der sogenannten Country-Fans (die neue Line-Dancer Generation) schnurstracks an der Festbühne vorbei Richtung Festzelt marschierten. Aber dazu später noch ein paar Worte. Die Auftrittstermine der genannten Bands lagen mit 15.30 bzw. 16.00 Uhr natürlich nicht gerade günstig. Besonders unter der Woche. Lediglich Western Union und Mike Russel spielten hier um 20.00 Uhr. Allerdings mit dem Nachteil, dass zur gleichen Zeit auch im Festzelt ein interessantes Programm lief. Vor Jahren waren wir einmal bei einem Auftritt der Band Hufnagel, damals noch mit Piet, Ginger und Jeff, die auch an einem Mittwoch um 16.00 Uhr auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest spielten. Auf die wenigen Gäste und das Gefühl für die Musiker hierbei angesprochen lautete die Antwort: „dann war das eben eine bezahlte Übungsstunde und Spaß hat es uns allemal gemacht“. Auch diesmal gaben die Musiker ihr Bestes und ließen ihre Freude an der Country-Music auf die Zuhörer überspringen. Viel Worte braucht man zu den Bands nicht zu machen, da sie in der Berliner Szene wohlbekannt sind, und für eine gute Country-Music stehen. Carolina werden wir, wie viele von euch schon wissen, so nicht mehr erleben können, da sich Carola Adam zukünftig der Folk-Music widmen wird, schade drum. Die Band Route 96 möchte ich allerdings doch besonders erwähnen. Mit zwei Sets von jeweils knapp eineinhalb Stunden Länge hoben sie sich von den anderen Bands ab. Dies ist deshalb so bemerkenswert, weil auch die Musiker von Route 96, wie viele andere, die Musik neben ihrem eigentlichen Beruf in ihrer Freizeit machen. Tolle Leistung würde ich sagen.
Einen Musiker von Route 96 konnten wir in den drei Wochen des Volksfestes mehrmals erleben, allerdings solo. Die Rede ist von Ginger Taylor. Vielen Country-Fans ist Ginger seit vielen Jahren ein Begriff. Spielte er doch beispielsweise schon bei Western Union und Hufnagel. Auch bei der Earthwood Family mischte er schon mit. Die Family unterstützte er musikalisch unter anderem bei ihrer CD „IMMER NACH VORN…“. Ginger Taylor gehört für mich mit zu dem Besten, was Berlin zu bieten hat. Dass er ein virtuoser Gitarrist ist weiß jeder der Ihn einmal auf der Bühne erlebt hat. Und mit seiner unverwechselbaren Stimme gibt er jedem Song seinen ganz persönlichen Sound. Die Stimme, von weitem gehört und jeder weiß sofort: da spielt Ginger. Bei seinen Solo-Acts bekommt der Zuhörer ein breites Spektrum von Country-Music und Hits aus den Sechzigern und Siebzigern geboten. Und ich meine, bei Ginger Taylor`s Solo-Auftritten kommt mehr rüber als bei so mancher Band.
Auch in Bergmanns „Diners Inn“ ging in den drei Wochen die Post ab. Neben Country Delight, Colorado und Claudy Blue Sky, die wir auch schon auf der Festbühne hören konnten, spielten hier Earthwood Family, Mike Strauss und Pick Up, Wilk & Friends und die Vaccaphobic Cowboys. Letztere waren mir bis dato unbekannt und auch ihr Name war für mich ein Rätsel. Was bedeutet eigentlich dieser Name? Ich schaue also erst einmal im Englisch-Wörterbuch nach. Fehlanzeige. Die Band löste auf Nachfrage dann das Rätsel: Vacca kommt aus dem griechischen und bedeutet „Kuh“. Wir hatten also Cowboys mit einer panischen Angst vor Kühen auf der Bühne stehen. Ein Name mit einem Augenzwinkern. Die Vaccaphobic Cowboys boten handwerklich gut gemachte Country-Music mit sehr rockigem Einschlag. Für den letzten Sonntag waren in Bergmanns Festzelt Wilk & Friends als Duo angekündigt. Gesang, Gitarre und Pedal-Steel live und der Rhythmus von der Maschine, ein Auftritt der mich überzeugen konnte.
Das Deutsch-Amerikanische Volksfest war in der Vergangenheit eigentlich immer wieder Treffpunkt für die Berliner Country-Gemeinde. Hier trafen sich die Country-Fans und hatten regelmäßig ihren Spaß bei Music, Tanz und Gesprächen. In diesem Jahr ist mir allerdings ganz besonders aufgefallen, dass viele Leute aus unserer alten Gemeinschaft weggeblieben sind. Und die Wenigen, die zum Volksfest kamen waren bis auf ein paar Ausnahmen ein- höchstens zweimal dort anzutreffen. Ein Umstand der bezeichnend ist für den derzeitigen Zustand der hiesigen „Country-Szene“. Für uns „alte“ Country-Fans ist die Country-Music nicht nur Unterhaltung sondern auch ein Stück Lebensgefühl. Das fängt schon bei der Kleidung an. Dies scheint sich aber bei den neueren, eigentlich verdienen sie diesen Namen nicht, Country-Fans grundlegend geändert zu haben. Wie frisch vom Baggersee erscheinen sie in Sandalen oder Turnschuhen, ausgeleierten Shorts, sogenannten gerade bis zur Wade reichenden „Cargohosen“ und Schlabbershirts. Gerade bei älteren Männern mit ihren Stachelwaden und den Damen mit diversen Krampfadern sieht das besonders chic aus. Aber leider muß man ja sagen, dass ihnen dies von vielen „Tanzlehrern/lehrerinnen vorgemacht wird. Über den Eindruck, der so auf die übrigen Gäste erziehlt wird brauche ich ja wohl nichts zu sagen. Nun ist es ja auch so, dass wir es heute leider mit vielen „Selbstdarstellern“ zu tun haben. Schaut mal alle her wie toll ich bin. Während wir vor einiger Zeit noch wirklich gemeinsam tanzen konnten, es gab eine nicht geringe Anzahl an Tänzen die von allen beherrscht und auf viele Songs angewendet werden konnten, wird heute ratlos auf dem Dancefloor rumgestanden. Wenn dann der Song fast vorbei ist fällt einem vielleicht noch mal ein Tanz ein, der passt. Und oft ist es dann natürlich ein älterer Tanz. Aber heute wird ja auf jeden Song, ob Country oder nicht, ein „Linedance“ kreiert. Oftmals wird so ein Tanz gelernt, vielleicht vier Wochen angewandt und dann vergessen. Wenn ich mir anschaue was derzeit so alles zum Country, oder zum Line-Dance ernannt wird, muß ich schon staunen. Je mehr man dreht, je mehr man mit den Armen wedelt und klatscht, desto besser. Sieht oftmals gerade bei den Männern, sorry, nur schwuchtelmäßig aus. Oder aber man fühlt sich zu „Lord of the Dance“ für Arme versetzt. Das ist überhaupt so eine Geschichte. Linedance und Country sind eigentlich nicht voneinander zu trennen. Country-Music hat ihr eigenes unverwechselbares Gesicht. Die Melodie, die typischen Instrumente bestimmen die Richtung. Aber heute? Was fällt mir da bei so manch einem angeblichen „Country-Song“, „Line-Dance“ ein? Ich sitze zu Hause auf dem Balkon, die Straße ca. 100 Meter entfernt, und da fährt so ein Kleinwagen, tiefer gelegt, dazu passend ein geistiger Tiefflieger am Steuer, mit 500 Watt Bassrolle im Kofferraum, vorbei und ich höre: Bam Ba Ba Bum Cha Weng. Das sind aber schon die klügeren, sonst hört man nur Ba Bumm, Ba Bumm. Geschmäcker sind nun einmal verschieden und das soll auch so sein. Aber bitte, nennt euch nicht „Country-Fans“. Daß ich mit meiner Beschreibung nicht ganz so daneben liege dürfte das folgende, beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest erlebte, belegen. Es gibt ja in den Pausen der Live-Acts immer die Musik von der Konserve. Und eine rappelvolle Tanzfläche. Aber warum sieht man dann bei der Live-Music kaum Tänzer auf der Tanzfläche? Da sieht man die „Country-Fans“ an den Tischen sitzen und herumkakeln. Quatschen, Lachen, Grölen aber bloß kein Ohr den Musikern und ihren Songs zugewandt. Man kann den Bands auf der Bühne wohl kaum eine größere Missachtung zuteil werden lassen.
Und so geht es doch weiter. Ich war vom ersten „German-American Volksfest“ an dabei. Diese Veranstaltung wurde ins Leben gerufen, um die Westberliner Bevölkerung und die amerikanischen GI`s einander näher zu bringen. Gerade diese GI`s haben dem Westteil Berlins über mehr als vier Jahrzehnte lang den Schutz gegen den Kommunismus garantiert. Und ohne sie wären die Entwicklungen in unserer jüngeren Vergangenheit nicht möglich gewesen. Ich darf mich glücklich schätzen immer ein gutes Verhältnis zu unseren amerikanischen Freunden gehabt zu haben. So manches Michelob oder auch, da wir ja deutsch-amerikanisch waren, Beck`s Bier oder Schultheiss ist durch unsere Kehlen geflossen. Und so darf auch niemanden meine Verbundenheit zur amerikanischen Kultur, dem amerikanischen Volk und ihrer Geschichte verwundern. Ich kann mich noch sehr gut an die Herzlichkeit der amerikanischen Soldaten gegenüber den deutschen Kindern erinnern. Wohlwissend, dass die Kinder nichts für die Fehler ihrer Eltern können. Und genau so engagiert waren seinerzeit die GI`s bei der Ausrichtung des „German-American Volksfest“. Als Besucher lief man nichtsahnend die „Mainstreet“ auf dem Volksfestgelände entlang. Plötzlich flogen die Saloontüren auf und ein paar wildgewordene Cowboys stürmten heraus, die Fäuste flogen und der Sheriff ließ dann auch nicht lange auf sich warten um für Ordnung zu sorgen. Ein Feeling halt wie in einem Western. Eine Show, die amerikanische GI`s extra für dieses Volksfest einstudiert hatten. Nun haben wir auch heute in Berlin viele Interessierte an der amerikanischen Geschichte, die dies nachzuvollziehen versuchen und mit ihren bescheidenen Mitteln bemüht sind, dem Volksfest ein wenig von seinem alten Flair zurückzugeben. Da muß einem gerade die Reaktion der sogenannten Country-Freunde zu denken geben. Was veranlasst sie eigentlich dazu über diese Leute die Nase zu rümpfen und über sie zu lachen? Wundern muß ich mich darüber allerdings nicht. Sitze ich doch z. B. an der Festbühne und lausche gerade einem schönen älteren Country-Song, kommt so ein „Line-Dancer“ daher und fragt tatsächlich: ist das auch Country-Music?
Wenn ich mir hier sicherlich auch ein wenig Frust von der Seele geschrieben habe, so ist doch unschwer die heutige Situation in unserer Country-Szene zu erkennen. Und auch warum sich viele alte Freunde so selten blicken lassen. Hampeln kann man, wenn man mag, auch in jeder 08/15 Disco. Nicht von ungefähr nennen sich die entsprechenden Veranstaltungen heute nicht mehr Country- sondern Line-Dance-Disco.
Ich möchte diesen Artikel allerdings nicht beenden ohne einen Dank an Mitbürger und Freunde die diesen auch verdient haben. Als erstes ein Dankeschön an die Bewohner rund um das Volksfestgelände für ihr Verständnis und die erwiesene Toleranz, wenngleich es ihnen mit Sicherheit nicht immer leicht gefallen ist. Ein ganz großes Dankeschön natürlich an alle aufgetretenen Musiker, Botschafter der Country-Music durch und durch. Und ein ganz besonderes Dankeschön an all die alten Freunde mit denen wir auch dieses Jahr viele schöne Stunden auf dem nunmehr „44th German-American Volksfest“ verleben durften.
Also, an alle echten Country-Fans ein herzliches KEEP IT COUNTRY und wir sehen uns mit Sicherheit auf der einen oder anderen Mucke und bis dahin Be Yourself!
Mike T