In die Details amerikanischer Singer-Songwriter-Kunst eingeführt

 

Tom Russell & Andy Hardin entführen den Pfleghofsaal in’s Amerika von Woody Guthrie

 

Langenau – hog Der Pfleghofsaal in Langenau war voll geworden am Mittwoch, den 15. Juni 2005, als nach vier Jahren erstmals wieder Tom Russell & Andrew Hardin aus Texas den Weg zu den Country & Western Friends Kötz gefunden hatten. 1988 hatten sie bereits mit ihrer fünfköpfigen Band erstmals beim Kötzer Country Festival gespielt, und diesmal ist das Dutzend voll geworden, 12 Mal Tom Russell in bzw. um Kötz. Gereifter und intensiver denn je brachten die beiden Ausnahmekünstler ihre Lieder dem aufmerksamen Publikum zu Gehör, das gegen 23 Uhr die Künstler erst nach vier Zugaben von der Bühne ließ.

 

Seinem Ruf als der beste Singer-Songwriter der Welt wurde Tom Russell einmal mehr gerecht. Im ersten Satz stellte er vornehmlich neue Lieder vor, zwei davon aus seiner von Kritikern hoch gelobten CD des Jahrgangs 2005, „Hotwalker“. Am Valentinstag 2006 wird er seine 20. CD veröffentlichen, mit Liebesliedern, die auch ein wenig Anteil am Repertoire hatten. Ansonsten geht Tom Russell mehr auf alternative Themen im Stil von Woody Guthrie ein, den er in dem Lied „Woodrow“ unter Einbeziehung von Gesprächen mit dessen Zeitgenossen und Weggefährten Ramblin‘ Jack Elliott sehr genau umschrieb und lebendig werden ließ. Das Ergebnis ist freilich ernüchternd, Tom Russell geht davon aus, dass selbst ein harter Kämpfer für die Rechte der Menschen, der Woody Guthrie in den 30-er und 40-er Jahre in Amerika mit seinen Liedern, Gemälden und Aktionen war, im heutigen Amerika sich nicht mehr wohl fühlen würde, ja vielleicht gar nicht mehr viel bewirken könnte. Zu sehr sind individuelle Strukturen vom einfach gestrickten Massendenken verdrängt worden. Geboren wurde Tom Russell in Los Angeles, er hat lange Jahre in New York gelebt, wohnt seit einigen Jahren aber in El Paso, Texas, am Rio Grand. Dem großen Trennungsfluss zwischen USA und Mexiko, zwischen reich und kärglich, widmete er das Lied „Down The Rio Grand“. Zu den wenigen Fremdkompositionen des Abends gehörte „Ira Hayes“ von Peter LaFarge, das Johnny Cash in den 60-er Jahren bekannt gemacht hatte. Es beschreibt das Schicksal eines Indianers, der für die US-Armee im zweiten Weltkrieg in Japan sein Leben riskiert hat, und zuhause wegen seiner Rasse dennoch auf Ablehnung stieß und verarmt starb. „Grapevine“ bezieht sich auf einen Berg vor den Toren von Los Angeles, den man passiert, um ins fruchtbare San Joaquin Valley zu gelangen, in dem auch die Musikstadt Bakersfield liegt. Bei „Everything’s Gone Straight To Hell Since Sinatra Played Juarez“ landete Tom Russell wieder in seiner jetzigen Wahlheimat und beschreibt den Niedergang der Region. Als Frank Sinatra einst dort aufgetreten war, gab es noch eine höhere Lebensqualität als heute.

 

In der Pause brachte ein Dia-Vortrag von Peter Wroblewski anhand Aufnahmen von Herbert Fiebig und Jochen Pfeiffer einen Rückblick auf über 15 Jahre Tom Russell & Andrew Hardin in und um Kötz.

 

Der zweite Set begann mit zwei Solostücken von Tom Russell, „The Sky Above, The Mud Below“ und „Blue Wing“, das Publikum hat für seine totale Aufmerksamkeit ein großes Kompliment verdient. Andrew Hardin stieg sodann wieder ein, um mit der Gitarre zu zaubern, so perfekt beherrscht er die schwierigsten Läufe, Tom-Russell-Klassiker wie „Gallo Del Cielo“, „Out In California“ oder „Angel Of Lyon“ erfüllten die Erwartungen des Publikums, vier Zugaben gab’s mit „St. Olave’s Gate“, „Spanish Burgundy“, „Walkin‘ On The Moon“ und „Haley’s Comet“, letzteres über die finalen Lebenstage von Bill Haley im südlichen Texas. Ach ja, in Barcelona war Tom Russell erst, nachdem er „Spanish Burgundy“ geschrieben hatte, dennoch trifft das Lied das dortige Lebensgefühl sehr genau und seine Vorstellungen wurden ihm durch die Wirklichkeit bestätigt. Die Tour führt ihn heuer in die Schweiz, nach Italien und nach Mallorca. Danach ist eine Woche Urlaub in Spanien angesagt, Inspiration für neue herrliche Songs?

 

Schon jetzt darf man sich auf ein Wiedersehen im Pfleghofsaal Langenau freuen, denn mit Karen Lynne & Acoustic Shock aus Australien gibt eine der Top-Formationen von „down under“ exklusiv an dieser Stelle am 9. Juli ihr Deutschland-Debüt. Country, Folk, Bluegrass und eine wunderschöne Stimme werden wieder für einen gelungenen Abend sorgen, wie es auch bei Tom Russell  & Andrew Hardinder Fall war.